Bundesgerichtshof prüft Rückerstattungsansprüche bei Online-Glücksspielen in wegweisendem Verfahren
Greta Otto · Sep 18, 2026

Bundesgerichtshof prüft Rückerstattungsansprüche bei Online-Glücksspielen in wegweisendem Verfahren

Am 17. September 2026 fand vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe eine mündliche Verhandlung im Leitentscheidungsverfahren Az. I ZR 216/25 statt, bei dem es um mögliche Erstattungsansprüche eines Spielers gegen den Online-Casino-Betreiber Tipico Games ging. Das Verfahren betrifft Verluste in Höhe von rund 10.000 Euro aus Spielen auf einer Plattform, die vor und kurz nach der Teillegalisierung von Online-Glücksspielen im Jahr 2021 angeboten wurden, als in den meisten Bundesländern ein weitgehendes Verbot galt.
Verfahrensdetails und rechtliche Ausgangslage
Das Gericht setzte sich mit der Frage auseinander, ob Verträge über die Teilnahme an Online-Casino-Spielen während der Verbotszeit als nichtig zu betrachten sind und ob daraus ein Rückerstattungsanspruch für den Spieler resultiert. Beobachter notierten, dass der Senat während der Verhandlung Tendenzen zeigte, die Verträge wegen Verstoßes gegen das damalige Verbot als unwirksam einzustufen und damit die Möglichkeit von Erstattungen zu eröffnen. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus, doch die Verhandlung gilt als richtungsweisend für hunderte ähnlicher Fälle, die bereits beim Bundesgerichtshof anhängig sind, sowie für Tausende weitere Verfahren in unteren Instanzen bundesweit.
Die Rechtslage vor 2021 sah in den meisten Bundesländern ein nahezu vollständiges Verbot von Online-Casino-Angeboten vor, mit Ausnahme von Schleswig-Holstein, wo eine begrenzte Lizenzierung stattfand. Nach der Einführung des Glücksspielstaatsvertrags 2021 änderte sich die regulatorische Situation schrittweise, doch für zuvor getätigte Spiele bleibt die Bewertung der Verträge zentral. Das Verfahren Az. I ZR 216/25 soll als Leitentscheidung dienen, die nachfolgende Urteile beeinflusst und Rechtsunsicherheiten reduziert.
Einordnung in europäische Rechtsprechung
Das Verfahren steht in Zusammenhang mit einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache C-440/23 aus April 2026, die nationale Verbote für bestimmte Online-Casino-Spiele von maltesischen Anbietern bestätigte. Experten verweisen darauf, dass diese EuGH-Entscheidung die deutsche Rechtsauffassung stützt, wonach Angebote ohne entsprechende Lizenz gegen geltendes Recht verstoßen können. Während der BGH-Verhandlung wurde diese europäische Dimension ebenfalls thematisiert, da sie die Bewertung der Vertragswirksamkeit beeinflussen kann.

Die Parteien trugen Argumente zu den zivilrechtlichen Folgen der Teilnahme an verbotenen Glücksspielen vor, wobei der Fokus auf der Rückabwicklung der Verträge lag. Vertreter des Spielers argumentierten für eine vollständige Erstattung der Verluste, während die Seite des Betreibers auf die damalige Rechtsunsicherheit und mögliche Verjährungsfragen hinwies. Das Gericht prüfte zudem, inwieweit die Spieler über die rechtliche Situation informiert waren und ob ein Schutzzweck des Verbots eine Erstattung rechtfertigt.
Auswirkungen auf laufende Verfahren
Ein positives Signal für Erstattungsansprüche könnte zahlreiche anhängige Klagen beeinflussen, die nach ähnlichen Mustern vor deutschen Gerichten verhandelt werden. Daten aus Gerichtsstatistiken zeigen, dass allein beim Bundesgerichtshof mehrere hundert Fälle mit vergleichbarem Hintergrund registriert sind, während in den Landgerichten und Oberlandesgerichten Tausende weitere Verfahren laufen. Die Leitentscheidung soll hier Klarheit schaffen und die Bearbeitung beschleunigen, indem sie einheitliche Maßstäbe vorgibt.
Die Verhandlung am 17. September 2026 markiert einen weiteren Schritt in der juristischen Aufarbeitung der Zeit vor der umfassenden Regulierung. Beide Seiten haben Gelegenheit erhalten, ihre Positionen detailliert darzulegen, und das Gericht wird die eingegangenen Schriftsätze sowie die mündlichen Ausführungen in seine abschließende Bewertung einbeziehen.
Ausblick auf die Entscheidung
Die endgültige Entscheidung des Bundesgerichtshofs wird mit Spannung erwartet, da sie nicht nur für die beteiligten Parteien, sondern für den gesamten Bereich der Online-Glücksspielregulierung in Deutschland von Bedeutung ist. Die Verfahrensakten und die anhängigen Parallelverfahren werden nach Verkündung des Urteils entsprechend angepasst. Weitere Informationen zu den Verfahrensständen finden sich in den öffentlichen Mitteilungen des Gerichts sowie in Berichten zu BGH I ZR 216/25 und EuGH C-440/23.
Schlussfolgerung
Das Leitentscheidungsverfahren vor dem Bundesgerichtshof beleuchtet zentrale Fragen der Vertragsnichtigkeit und möglicher Rückerstattungen im Kontext der deutschen Glücksspielgeschichte. Die Verhandlung am 17. September 2026 hat gezeigt, dass das Gericht die rechtlichen Grundlagen sorgfältig prüft, während die abschließende Entscheidung weitere Klarheit für Betroffene und Betreiber bringen soll. Die Entwicklung bleibt für alle Beteiligten von hoher Relevanz, da sie die Grundlage für künftige Auseinandersetzungen legt.